Ich hatte da so an maximal 300,- Euro gedacht...

Ein ernstzunehmender Webdesigner wird wohl keine Website für 300,- Euro anbieten. Nicht, wenn diese Website der Maßanzug sein soll, der professionellen Ansprüchen gerecht werden muss. Aber ist so eine Leibschneiderung wirklich immer das Maß aller Dinge? Tatsächlich: Manchmal ist auch die Seite von der Stange zielführend.

Es kommt vor, dass ich gefragt werde, was denn eine kleine Website kosten würde. Ich fange dann gerne an davon zu reden, welcher Aufwand mit der Gestaltung und Entwicklung verbunden ist und was das in etwa kosten wird.
Wer sich zuvor auf einen kleineren dreistelligen Betrag eingestellt hatte, erlebt dann eine böse Überraschung - und neigt dazu, seine Ansprüche neu zu ordnen.

Nicht selten stellt sich für den geneigten Kunden dann die Frage, was diese Investition denn wohl bringen würde, wenn er oder sie doch nur eine kleine Webpräsenz haben möchte, einfach nur zu Beginn, zum ausprobieren oder um „online zu sein“.

Ein viel zu großer Maßanzug

Die Motive, eine eigene Website zu betreiben, können ganz unterschiedlich sein. Wenn aber dahinter kein direkter oder indirekter kommerzieller Gedanke steckt, sitzt das Geld nicht locker. Verständlich. Wenn dann noch der Besucher-Erfolg der Website in den Sternen steht, muss man sich die Frage gefallen lassen, ob sich die Investition eines vierstelligen Betrages überhaupt lohnt.

Mit Geschmack „von der Stange“

In solchen Fällen biete ich gerne Alternativen an. Denn es gibt sie, die Web-Baukästen dieser Welt und es wäre ignorant, das zu verleugnen, nur weil man selber Invididual-Lösungen anbietet. Wenn eine Journalistin bloggen möchte, braucht sie keine top-notch-Website; sie braucht einen Blog. Nicht mehr und nicht weniger. Pragmatik tut manchmal ganz gut.

Brauche ich wirklich eine Website?

Da gab es kürzlich beispielsweise den selbständigen Veranstalter, der im Netz nur über seine bisherige Arbeitgeber zu finden und zu kontaktieren war und das jetzt gerne mithilfe einer eigenständigen Online-Präsenz ändern wollte.

Klar kann man hier mit einer eigenen Website auftrumpfen. Doch in erster Linie ging es darum, drei Dinge nach vorne zu bringen: den eigenen Namen, die Tätigkeit und eine eigenständige Kontaktmöglichkeit.

Da liegt es näher, Zeit, Energie und ggf. Geld in eine ordentliche Online-Reputation zu stecken. Hilfsmittel bei so etwas können sein:

  • XING - Der (deutsche) Standard in Sachen Business-Profile
  • LinkedIn - In den USA sehr beliebt, hier womöglich noch im Kommen
  • Facebook, Twitter, Google+- Eine Wissenschaft für sich, aber sie sollten hier Erwähnung finden
  • about.me - Eine sehr elegante Form der Online-Visitenkarte mit
    wunderbarer URL-Systematik
  • Flickr - Wenn es um die Darstellung von Fotos geht.
  • SoundCloud - Für die Musiker
  • YouTube und Vimeo - Für alle, die mit und per Video was zu sagen haben
  • ...

Für den Anfang lassen sich diese Kanäle auch noch für jede ambitionierte Person selbständig erschließen. Weitere Fachportale (beispielsweise für Autoren, bildende Künstler, Journalisten etc.) gibt es ebenfalls und lassen sich per Google recherchieren.

Jedes gut gepflegte Online-Profil hat Auswirkungen auf die Reputation, die Wahrnehmung und den Ruf im Netz - manchmal mehr, als es einer teuren Website ad hoc gelingt.

Im übrigen gibt es eine wunderbare Grafik zum Thema „Brauche ich wirklich eine Website - und wenn ja, wie stelle ich das an?

Webbaukästen

Ich würde nicht unbedingt zum nächstbesten TV-präsenten Baukasten-Anbieter greifen. Ich empfehle diese hier:

(mehr Tools für das eigene Web-Autoring sind → hier gelistet)

Alle drei haben gemein, ein verhältnismäßig gutes Markup (also der Code, der am Ende rauskommt) zu generieren und sind ebenso relativ brauchbar in Auswahl von Vorlagen und deren Anpassungsmöglichkeiten. Der Vorteil: alles ohne nähere Code-Kenntnisse. Auch eine Domain, also eine Internet-Adresse, lässt sich in der Regel mit den zusammengeklickten Webseiten verknüpfen.

Was man hier natürlich nicht bekommt, ist 100%ige Kontrolle über den Code, Datenhoheit und letztlich vielleicht genau die Funktion oder Gestaltung, die man braucht. Aber dazu später mehr.

Brauchbar sind sie alle Male, und wer am Anfang seiner Online-Präsenz steht und erst einmal Erfahrungen sammeln möchte, ist hier richtig aufgehoben.

Speziell für Blogger gibt es auch noch zwei bis drei attraktive Anbieter, die das Bloggen - und insbesondere das Vernetzen unter Bloggern - simpel gestalten:

Themes für Redaktionssystem

Eine meiner Lieblingslösungen, weil sie den Spagat zwischen "von der Stange" und "auf mich zugeschnitten" hinbekommen, ist das Arbeiten mit Themes für Redaktionssysteme. Themes sind eine Sammlung von Vorlagen, die aus einem CMS ganz unterschiedliche Seiten zaubern können.

Die vielleicht größte Theme-Sammlung gibt es für das Redaktionssystem Wordpress. Zwar ist dieses System im Kern eine Blogger-Maschine (der Service auf wordpress.com nutzt genau diese Software, deswegen die Namensgleichheit), aber mit den richtigen Themes wird daraus ein vollwertiges CMS. Freie Themes gibt es wie Sand am Meer, einfach mal googlen. Zwei kommerzielle Anbieter mit hochwertigen Themes seien hier genannt:

Die Themes kosten wirklich nicht die Welt und sind einfach zum Laufen zu bringen sowie pflegeleicht in der Anwendung. Alles was man braucht, ist ein Webserver mit PHP und einer Datenbank, das aktuelle Wordpress und natürlich ein Theme seiner Wahl.

Die Einrichtung ist jetzt im Vergleich zum Webbaukasten nicht so simpel, weil man doch ein paar Dateien und vielleicht etwas Code in die Hand nehmen muss. Aber sowas lässt sich auch vom Webdesigner seines Vertrauens für eine vertretbare Gegenleistung machen lassen.

Der unschätzbare Vorteil bei dieser Lösung: der Code liegt zur Veränderung offen. Das bedeutet, jeder, der sich damit auskennt (vorsicht), kann das vorhandene Theme gestalterisch Anpassen, erweitern, reduzieren, ja sogar Funktionen hineinprogrammieren. Die Grenze liegt im Prinzip nur da, wo es sich vom Aufwand her dann doch gelohnt hätte, die Website komplett selbst zu machen. Immer eine Frage von Anspruch und Aufwand.

Natürlich gibt es auch Themes, Templates etc. für andere Systeme als Wordpress - ich nutze es jedoch am liebsten und ich kenne kaum eines, bei dem die Bedienung so Nutzerfreundlich daher kommt.

Der wahre Jakob

Und was hast Du davon, wenn Du so etwas weiter empfiehlst? Machst Du Dich nicht arbeitslos?“

Ich denke nicht. Auf der einen Seite macht es kaum Sinn, jemandem einen Maßanzug anzufertigen, wenn er oder sie sich noch im Wachstum befindet. Auf der anderen Seite machen diese o.g. Lösungen - um es salopp auszudrücken - mir und jedem anderen Webentwickler keine echte Konkurrenz. Ganz einfach weil man mit ihnen schnell an Grenzen stößt, die ohne professionelle Hilfe nicht so einfach zu überschreiten sind.

Es ist nämlich nicht nur eine hübsche Homepage und ein kleines Redaktionssystem, welches über die Qualität, den Erfolg oder Misserfolg einer Website entscheidet. Es sind fundamentale Konzepte, wie eine Inhalts-Strategie, guter Content, nutzerorientierte Strukturen, sauberer Code und mehr. Es geht um Features wie Performance, responsive Layouts, Schnittstellenprogrammierung und nicht selten auch die vielzitierte Corporate Identity. Und da kommen Dienstleister wie ich ins Spiel. Schließlich kaufen Sie dann nicht nur eine Website, sondern die gesamte Entwicklung.

Für den Beginn und für Low-Budget-Geschichten empfehle ich alles oben genannte. Doch oft wachsen Ansprüche, ja sogar Notwendigkeiten schneller als gedacht. Ich jedenfalls habe die Erfahrung gemacht, dass man spätestens dann weiß, an wen man sich wenden will.